Die Idee

„Urban Kids“ also: klar, heute muss alles englisch ausgedrückt werden. Das nervt manchmal, ist nicht immer intelligent und auch nicht immer schön. Doch „Urban Kids“ lässt sich nun wirklich nicht leicht ins Deutsche übersetzen: „Großstadtkinder“ – das klingt nach proletarischem Berlin des 19. Jahrhunderts und „städtische Jugendliche“ eher nach einem pädagogischen Programm. Deshalb belassen wir es dabei: Mit „Urban Kids“ meinen wir ältere Kinder und Jugendliche, irgendwo zwischen 12 und 20 Jahre alt, die sich ihre eigene Großstadtwelt zusammenbauen müssen.

Wie sie das tun, wie sie mit öffentlichen und privaten Räumen umgehen, mit Konsum- und Modestilen, mit Freundschaften und Liebschaften, mit Handy und Internet, welche Rolle es dabei spielt, männlich oder weiblich, allein oder in Gruppe zu sein, als Deutscher oder als Türke angesehen oder angemacht zu werden – darüber wissen Politik, Gesellschaft und Wissenschaft doch vergleichsweise wenig. Auch trotz – oder gerade wegen? – der heftigen Debatten über Jugend und Bildung, Jugend und Respekt, Jugend und Gewalt, wie sie schon in den letzten Jahren immer wieder und heute erst recht die Medienschlagzeilen bestimmen.

Dieses vielfältige Nichtwissen war der wesentliche Anlass dafür, dass vom April 2007 bis zum Februar 2008 ein Projektseminar am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität stattfand, das solchen Fragen nachgehen sollte. 21 Studierende versuchten über ein knappes Jahr hinweg zunächst anhand der vorliegenden Untersuchungen zu städtischen Jugendlichen und dann über eigene kleine Forschungen sich solchen Jugendwelten anzunähern. Sie wollten besser verstehen, wie Jugendliche denken und ticken, aber auch wie gesellschaftliche Umwelten mit diesen Jugendlichen umgehen. Die Ethnologie setzt dabei vor allem darauf, nicht statistikgläubig über Fragebogen- oder Telefoninterviews nur Meinungen abzuhören. Sie will mit ihren Methoden der Feldforschung vielmehr näher an die Menschen herankommen: über Beobachtungen und Interviews, über Bilder und Erzählungen, auch über gemeinsame Wege durch Alltagsräume und Alltagswelten. Daraus ergeben sich dann keine repräsentativen Aufschlüsse über „Durchschnittsjugendliche“, wohl aber charakteristische Bilder und typische Profile jugendlicher Lebensstile, die sich auffällig oder unauffällig in der Berliner Stadtlandschaft entwickeln.

Die Idee war dabei, zunächst in kleinen Gruppen und entlang bestimmter Themen solche Jugendwelten zu beobachten und zu erforschen, dann mit den Jugendlichen auch über diese Beobachtungen zu reden und daraus schließlich eine Art Galerie zu gestalten, die in Text und Bild, auf Papier wie im Internet einige der gewonnenen Ergebnisse und Erkenntnisse vorstellt – nicht journalistisch gerundet, sondern bewusst in manchmal noch eckiger und ausschnitthafter Form.

Wichtig war uns vor allem, nicht nur „über“ Jugendliche zu forschen, sondern mit ihnen dabei ins Gespräch zu kommen, gegenseitig zuzuhören, auszutauschen. Auch die vorliegende Materialzusammenstellung hat dieses Ziel: Wir würden uns sehr darüber freuen, wenn vor allem auch jüngere Besucher unserer kleinen Ausstellung bzw. Leser unserer kleinen Broschüre im elektronischen Gästebuch ihre Kommentare, Ergänzungen wie Kritiken eintragen könnten. Denn dass wir mit unseren Einblicken vielfach dennoch nur an der Oberfläche städtischer Lebenswelten und urbaner Jugendkulturen geblieben sind, dessen sind wir uns sehr wohl bewusst.

Wolfgang Kaschuba

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